Nachdenkliches von Alia Schwindeltupfi

(von ihrem Frauerl aus dem "Dalmatinischen" übersetzt)

Grüß Gott, verehrte Leser, ich bin die Alia, aus der Rasse der Dalmatiner, von Beruf Schwindelhund. Mein Frauerl hat mich ein paar Stunden lang ausgebildet, damit die Menschen sehen, dass nicht jeder Hund mit Führgeschirr schon automatisch ein Blindenführhund ist und was passiert, wenn ein Hund nicht ordentlich ausgebildet ist. Ich folge (ziemlich) brav, kann im Führgeschirr schön geradeaus führen, rechts und links einbiegen und sogar auf Freilandstraßen links und rechts am Rand gehen, aber wenn irgendwelche Hindernisse oder Stufen im Weg sind - da sollte man sich mit mir lieber eine Ganzkörperpolsterung und eine gute Lebensversicherung zulegen - ich bin eben nur ein Schwindelhund.

Schaut doch ziemlich echt aus auf dem Foto, nicht wahr?

Bild: Dieser halb ausgebildete Schwindelhund kann auf geraden Strecken ein bisschen führen, bei Hindernissen und Abgründen wäre er für Blinde jedoch lebensgefährlich

"Wozu das Ganze", werden Sie jetzt fragen, "die echten Blindenführhunde bekommen ja eine gute Ausbildung, da passiert so etwas nicht." Teilweise stimmt das ja, es gibt eine Blindenführhundeprüfung nach dem Bundesbehindertengesetz und einige Blindenführhundefirmen halten sich auch korrekt danach. Andere anscheinend nicht so gerne, ich höre da nämlich manchmal die seltsamsten Sprüche.

Bei Fuß gehen ohne Leine (Freifolge) braucht ein Blinder laut diesen Firmen nicht, weil "der sieht ja nicht, wo der Hund ist und kann das daher nicht kontrollieren". Aha. Wenn der Hund durch Zufall auskommt und rennt sofort davon, weil für ihn "ohne Leine sein" bedeutet, frei zu laufen, sieht ihn der Blinde dann besser? Übrigens, meine Führhundfreunde bekommen ein Glöckchen um, wenn sie ohne Leine sind, dann kann ihr Hundeführer genau hören, wo sie sind und weiß, ob sie ordentlich frei bei Fuß gehen.

Oder stellen Sie sich folgende Szene vor:

Ein Blinder geht (meinetwegen auch mit sehendem Begleiter) auf einem ungefährlichen Weg und lässt den Hund, der die Freifolge nicht beherrscht, frei laufen. Der Blinde muss oder will seinen Hund aus irgend einem Grund für kürzere Zeit neben sich haben. Das geht dann so:

Der Blinde ruft: Flocki (Name aus Datenschutzgründen geändert), hierher. Flocki kommt. Der Blinde nestelt die umgehängte Leine von der Schulter, greift die Leine entlang nach dem Karabiner, dann nach dem Flocki und leint ihn an. Nach kurzer Zeit kann der Hundeführer den Flocki wieder auslassen. Er tastet also die Leine entlang, öffnet den Karabiner und der Flocki läuft wieder frei. Der blinde Hundeführer hängt sich die Leine wieder um.

Nach drei Minuten kommt eine ängstliche Mutter mit Kleinkind und dem Aufschrei: O Schreck ein Hund. Der Blinde ruft: Flocki, hierher, greift wieder nach der Leine und so weiter - den Rest kennen Sie schon. Sicherlich kabarettreif, dieser Spaziergang - nur nicht sehr lustig. Wenn der Hund auf das Hörzeichen "Fuß" bei Bedarf jederzeit ohne Leine neben dem Hundeführer frei bei Fuß geht und dann ohne lange Fummelei wieder laufengelassen werden kann, glauben Sie nicht, dass das angenehmer ist?

Ich werde nie verstehen, warum sich Betroffene von Firmen einreden lassen, was sie zu wollen und zu brauchen haben und was nicht. Wenn es unmöglich ist, Hunden bestimmte Sachen beizubringen - okay. Aber in 72 Prüfungen haben die Hunde die Freifolge gekonnt und die meisten Besitzer waren froh darüber und jetzt soll es plötzlich nicht mehr gehen? Wenn mir mein Frauchen erzählen würde, ich als ganz kurzhaariger Hund ohne Unterwolle brauchte keinen warmen Schlafplatz, kalter Beton tut es auch, nur weil sie zu faul wäre, eine warme Unterlage zu kaufen, wäre ich ganz schön böse auf sie.

Komisch, was sich Menschen so alles gefallen lassen. Ich werde sie wohl nie ganz verstehen, ich bin allerdings nur

Ihr ganz gewöhnliches Schwindeltupfi

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Letztes Update: 18. 01. 2014


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